Sieben auf einen Streich

Der frühe Vogel kann den Wanderpal mal. Eigentlich. Denn am Sonntag gingen die Uhren ein bisschen anders. Als um viertel nach fünf (!) der Wecker klingelte, waren wir relativ schnell auf den Beinen. Unser aller erster Wander-Event stand auf dem Programm: „Sieben auf einen Streich“ im Siebengebirge. 26 Kilometer über 7 Berge mit insgesamt 1.800 Höhenmetern. Für den derzeit etwas trainingsfaulen Wanderpal eine ganz schöne Herausforderung.

Seit mittlerweile 47 Jahren veranstaltet der Skiclub Bad Honnef die sogenannte „Volkswanderung im Siebengebirge“. Von Bad Honnef geht es auf eine Runde über den Drachenfels, vorbei am Milchhäuschen in Richtung Petersberg, weiter zum Stenzelberg, über den Ölberg, um den Lohrberg herum, rauf zur Löwenburg und wieder runter nach Bad Honnef. Bei strahlendem Sonnenschein sollte um 8 Uhr der Startschuss fallen, der Zielbereich ist bis 17 geöffnet. Könnte sogar der Wanderpal schaffen, wenn er früh genug los geht.

So waren wir erstmal ganz schön stolz, als wir tatsächlich pünktlich um kurz nach 7 Uhr mit geschnürten Wanderschuhen und gepackten Rucksäcken unsere liebe Freundin Karo getroffen haben, um gemeinsam nach Bad Honnef zu fahren. Eigentlich wären wir sogar zu viert gewesen, aber eine Verletzung am Fuß zwang Lurchi zur kurzfristigen Absage. Schöne Grüße auf die Couch auch an dieser Stelle nochmal!

Anders als bei vielen anderen Veranstaltungen muss man sich für die Volkswanderung nicht im Vorfeld anmelden. Um 07:45 Uhr haben wir uns in eine kurze Warteschlange gestellt, für 7 € Unkostenbeitrag unsere Startunterlagen abgeholt und schon durften wir auf die Strecke. Wenn wir es pünktlich ins Ziel schaffen, wartet als Belohnung eine Medaille auf uns.

Die ersten Meter ging es erstmal ganz entspannt und vor allem flach am Rhein entlang. Ganz gute Sache zum Einstieg, denn ich hatte noch mit ein paar alkohol-indizierten Ausfallerscheinungen zu kämpfen. Der Abstiegs-Pal hat das letzte Heimspiel gegen die Bayern wohl mit einem Kölsch zu viel ausgeläutet. Aber wie lautet eine alte, kölsche Wanderweisheit: Wä suffe kann, d´r kann och wandern jonn.

Die Medaille im Ziel erhält der Volkswanderer natürlich nicht „einfach so“. Unterwegs müssen insgesamt 7 Streckenposten angesteuert werden, die jeweils einen Stempel auf den „Wanderausweis“ drücken. Nur wer alle 7 Stempel gesammelt hat, erhält die goldene Medaille. Betrug wäre zwar theoretisch möglich, aber natürlich auch hochgradig sinnlos.

Laut Wanderkarte befand sich der erste Streckenposten hoch oben auf dem Drachenfels. Also haben wir das sanfte Rheintal verlassen und sind über bestens ausgeschilderte, aber leider furchtbar steile Wanderwege den ersten Berg des Tages hinauf gestiefelt. Auf dem Weg hoch zum Drachenfels wurden wir von dem ein oder anderen scheinbar übereifrigen Wanderer überholt. Das sollte auch den Tag über so bleiben, offenbar haben wir ein etwas gemütlicheres Tempo als der Durchschnittswanderer.

Auf den letzten Metern vor der riesigen Aussichtsplattform am Drachenfels führte der Weg dann aus dem Wald heraus in die pralle Sonne. Die war trotz der noch relativ frühen Stunde schon ordentlich warm, so dass wir uns oben angekommen erstmal ein Schattenplätzchen zum Ausruhen gesucht haben. Ein paar Höhenmeter fehlten uns dann noch bevor wir hoch oben auf der Ruine den ersten Streckenposten erreichten und unseren Wanderausweis stempeln lassen konnten.

Jetzt ging es erstmal gemütlich bergab, durch den schattigen Wald zum Milchhäuschen. Warum das so heißt weiß ich nicht, wenn jemand eine kreative Idee hat, ab in die Kommentare damit! Für uns gab es dort den nächsten Stempel und die Erkenntnis, dass heute ziemlich viele Wanderer im Siebengebirge unterwegs sind. So richtig Ruhe hatten wir im Wald nicht, aber das war uns vorher klar. Und manchmal ist es ja auch ganz spannend, den Gesprächen anderer Leute zu lauschen.

Über fragwürdige pädagogische Konzepte, Tipps zu einer möglichst spritsparenden Fahrweise auf der Autobahn bis hin zu grenzdebilen Teenie-Gesprächen war alles dabei. Ich bin auch übrigens immer noch überrascht, wie viele junge Menschen an der Wanderung teilgenommen haben. Von wegen Wandern ist nur etwas für gesetztere Semester!

Langsam wurde es dann wieder mal Zeit für einen weiteren Stempel. Den sollte es am Petersberg geben und wir haben schon schlimme Befürchtungen gehabt, denn man weiß ja, dass es auch da steil hoch geht. Hatte ich erwähnt, dass wir derzeit etwas trainingsfaul sind? Jedenfalls waren wir froh, dass es den Stempel schon auf halber Höhe gab und der Weg dann Richtung Stenzelberg abgezweigt ist.

Über den Stenzelberg, wo es einen weiteren Stempel gab, ging es weiter zum Ölberg, dem höchsten Berg im Siebengebirge. Das bedeutete eine ziemlich fiese und lange Steigung. Ich spürte so langsam den körperlichen Verfall und war froh, dass ich trotz Hohn und Spott von Anja, meine Wanderstöcke mitgenommen hatte. Damit geht es bergauf einfach wesentlich leichter.

Eigentlich wollten wir oben dann endlich mal eine längere Pause einlegen. Das hatten wir bisher versäumt und wir hatten auch irgendwie immer noch ein bisschen die latente Angst, es nicht pünktlich ins Ziel zu schaffen. Obwohl das natürlich Quatsch war. Wer den Ölberg kennt, weiß aber dass da oben gar nicht mal so viel Platz ist. Und wie gesagt: Volkswanderung. Es war einfach zu viel los. Da kam uns ein Baumstamm am Wegesrand beim Abstieg viel gelegener für die Brotzeit.

Hätten wir die Karte richtig gelesen, hätten wir vielleicht bemerkt, dass kurz nach dem Ölberg auch eine vom Veranstalter organisierte Verpflegungsstation auf uns gewartet hätte. So haben wir die dort feilgebotene Erbsensuppe links liegen gelassen, uns nur einen weiteren Stempel abgeholt und sind weiter gezogen in Richtung Lohrberg.

Zum Glück mussten wir da nicht hoch, sondern sind nur über schattige Waldwege drumherum gelaufen und standen kurz danach vor dem letzten größeren Hindernis: dem Aufstieg zur Löwenburg. Bevor es da hochging, haben wir erstmal noch eine kleine Pause eingelegt, etwas gegessen und die letzten Kraftreserven für den Aufstieg aktiviert.

Nach ein paar steilen Minuten war es geschafft und wir standen am letzten Streckenposten des Tages. Die Sonne brannte auf uns herab, unsere Wasser-Reserven gingen langsam zur Neige und es war mit den ganzen Volkswanderern wieder mal viel zu voll oben am Berg. Also nichts wie runter und auf die letzte Etappe zurück nach Bad Honnef.

Eigentlich dürfte es jetzt nur noch bergab gehen, trotzdem hatte ich bei jeder Biegung des Weges das ungute Gefühl, dass es doch nochmal bergauf gehen könnte. Der Wanderpal lief längst auf Reserve, die Oberschenkel fühlten sich an wie ein schöner Klumpen Beton. Aber zum Glück: Es ging tatsächlich nur noch bergab.

Mit einer Gesamtzeit von 7,5 Stunden, davon 6,5 „in Fahrt“ sind wir dann um kurz nach 15:30 Uhr im Ziel eingelaufen. Anjas GPS-Uhr zeigte entspannte 27,1 Kilometer an, als wir unsere voll gestempelten Wanderausweise vorgezeigt und die tatsächlich goldene Siegermedaille in Empfang genommen haben.

Der Skiclub Bad Honnef hat da eine sehr schöne Veranstaltung auf die Beine gestellt. Wenn es terminlich passt, sind wir nächstes Jahr wieder am Start. Wer kommt mit?

 

6 Gedanken zu “Sieben auf einen Streich

  1. Supi! Der Bericht übertrifft wieder alle Erwartungen.
    Stolz dürft Ihr auf Eure Wanderleistung auch sein. Fast 30 km an einem Tag und das auch noch bergauf bergab, alle Achtung!!
    Und die Fotos!!!

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  2. Der Lurchi meldet sich hiermit für den nächsten Streich an. Ich hoffe auf unversehrte Knochen vor der Wanderung, wie es danach aussieht, meine ich bereits vorher zu wissen, aber genau dafür sind solche Tage da!

    Im Geiste war ich nun dabei, vorbereitet fühle ich mich auch. 2019 kann kommen.

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  3. Welch dramatische Szenen sich abgespielt haben müssen als am Ziel die Medaillen aus waren, kann man ja nur erahnen – da hier top performt wurde und eine rechtzeitige Ankunft am Ziel erfolgte 🙂
    Ich bin selbstverständlich in 2019 wieder.

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  4. Respekt! … und herzlichen Glückwunsch!
    Das war mit Sicherheit eine sehr anstrengende Wanderung. Liest sich so und war bestimmt auch so. Wahnsinn. 😓 Ich habe schon beim Lesen geschwitzt und bin immer noch völlig außer Atem. Ich bin bei der nächsten Wanderung bestimmt nicht dabei. Das schaffe ich nicht mehr. 😩
    Die Fotos sind wieder toll geworden.
    Das ist eine schöne Gegend.

    Nochmal: Respekt. 👍👍👍

    PS: Wieder großartig geschrieben 👏👍☺

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