So weit die Füße tragen

Die Hälfte ist geschafft! Mit der Ankunft in Schierke gestern war Halbzeit für uns auf dem Harzer-Hexen-Stieg. Von jetzt an geht es nur noch bergab. Also geografisch gesehen jetzt. Mit dem Wetter kann es eigentlich nur besser werden. Und tatsächlich regnet es nicht, als wir nach einem ausgedehnten Frühstück die noch leicht klammen Wanderstiefel schnüren und unseren Weg fortsetzen.

Wir haben uns für einen kleinen Umweg entschieden. Denn wir hatten beide keine Lust, den fiesen „Pfarrstieg“ von gestern wieder bergauf zu laufen, um den Harzer-Hexen-Stieg zu erreichen. Deswegen geht es jetzt erstmal talwärts ins Elend. Also…nach Elend. Der Ort heißt tatsächlich so. Dort hoffen wir, auf das Teilstück des Hexen-Stieges zu gelangen, mit dem man den Brocken umgehen kann und das nach ein paar Kilometern wieder auf den Hauptweg führt.

Kurz vor Elend kam es, wie es kommen musste, es begann zu regnen. Also die bekannte Prozedure: Regenjacke an, Schutzhülle über den Rucksack, weiter gehts. Ich will hier ungern jemanden zu nahe treten, aber in Elend scheint der Name tatsächlich ein bisschen Programm zu sein. Blühende Landschaften sehen anders aus. Im Tal der kalten Bode (nicht zu verwechseln mit der warmen Bode!) haben wir uns leise wieder aus dem Ort rausgeschlichen.

Für einige Zeit ging es gemütlich am Fluß entlang. Der Regen hörte mal auf, fing dann wieder an, als wir gerade die Jacken aus hatten, es war ein munteres Spielchen. Irgendwann hatten wir die Faxen dicke und haben die Jacken einfach an gelassen, auch wenn es gerade gar nicht geregnet hat. So wanderten wir durch den Wald, in der vagen Hoffnung irgendwann auf eine Schutzhütte zu treffen, wo wir trocken sitzen und etwas essen könnten.

Nach fast 10 Kilometern hatten wir dann den Anschluss an den Hauptweg erreicht und tatsächlich gab es dort auch eine kleine Schutzhütte. Während unserer ausgedehnten Pause konnten nicht nur die Jacken etwas auslüften, es hat sich auch endlich gelohnt, dass wir uns in Osterode noch ein paar Teebeutel gekauft hatten. Auf dem Spirituskocher haben wir uns einen wärmenden Kräutertee gekocht.

Passend zur unserer durch Tee und Brötchen gestiegenen Laune hat sich auch das Wetter geändert. Der Regen hörte auf, die Sonne kam sogar etwas heraus. Die nächsten 20 Minuten auf dem Weg waren die angenehmsten der letzten drei Tage. Große Freude kam bei Anja auf, als wir dann auch noch an einem Wasserfall vorbeigekommen sind. Sie liebt es fließendes und/oder fallendes Wasser zu fotografieren. Nach der Teepause gab es jetzt also eine Fotopause.

In Königshütte haben wir dann den ersten Wegweiser mit Kilometerangabe bis zu unserem Etappenziel Rübeland gefunden. Noch 11,1 Kilometer! Dabei sind wir doch schon 11 gelaufen. Das wird heute wohl die längste Tour der gesamten Wanderung. Bisher hatten die Etappen zwischen 15 und 17 km Länge. Wir haben´s sportlich genommen und sind weitergelaufen. Was auch sonst.

Es ging für eine ganze Weile an einem Stausee entlang. An dessen Ende gab es mal wieder einen Stempel für die Wandernadel. Und angeblich – laut Reiseführer – hat man von der Staumauer einen fantastischen Blick auf den Brocken. Ihr seht ja das Foto. Irgendwo da in den Wolken soll der Brocken sein. Wir sind uns relativ sicher, dass die Richtung stimmt, in die Anja fotografiert hat.

Nach dem Stausee verlässt der Weg das Tal und steigt langsam aber stetig an. Zum Glück hatte der Regen jetzt endgültig die Segel gestrichen, so dass wir nicht in den dampfenden Regenjacken laufen mussten. So langsam taten uns aber trotzdem die Füße weh. Die Freude war dementsprechend verhalten, als wir mit dem Weg wieder talwärts zum Fluß gelaufen sind. Denn wir wussten nach einem Blick auf die Karte: Das müssen wir alles nochmal hoch.

Vor dem letzten Anstieg stand dann ein Schild. Noch 2,7 Kilometer bis Rübeland. Und dann ging es erstmal eine ganze Weile steil bergauf. Ich war froh, dass ich die Wanderstöcke in der Hand hatte. Mittlerweile habe ich ganz gut raus, wie ich mit den Dingern laufen muss. So konnte ich die müden Beine ein bisschen unterstützen. Und ich habe mir eingebildet, dass das sicher ein sehr gutes Training für die Arme ist, bevor es demnächst zum Paddeln geht.

Wer schonmal in Rübeland war, der weiß: Der Ort liegt im Tal. Zum Schluss der Wanderung mussten wir unsere hart erkämpften Höhenmeter also wieder herschenken. Mit 22,6 Kilometern auf der Uhr sind wir dann mit müden Füßen am Hotel angekommen. Und obwohl das Restaurant eigentlich geschlossen ist, gab´s vom Chef persönlich noch Würzfleisch, Jägerschnitzel und Bratkartoffel für uns. Es gibt noch nette Menschen auf dieser Welt. Ein Bier noch mit auf´s Zimmer, den Blog schreiben und dann geht´s gleich ab ins Bett. Morgen geht es weiter nach Treseburg.

4 Gedanken zu “So weit die Füße tragen

  1. Ihr seid wirklich hart im Nehmen. Abends werdet Ihr zum Glück mit Essen und Trinken gut entlohnt.
    Ich glaube Ihr wandert nur, damit Ihr uns schöne Bilder schicken könnt und wir etwas Nettes zum Lesen haben. Weiter so!

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  2. Na hasst ihr die Leute langsam auch so, die behaupten, es gebe kein schlechtes Wetter nur schlechte Kleidung?

    Tapfer durchgehalten und schöne Bilder 🙂

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  3. Ein Waldweg mir Regen hat auch seine schönen Seiten und ich mag diese Stimmung gern. Aber es geht doch ziemlich an die Laune, wenn es die ganze Zeit über regnet. Irgendwann sind mir dann noch so schöne Ecken völlig egal. Kleidung hin oder her. Aber wir haben zum Glück ja auch trockene Momente.

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  4. Für Eure Tapferkeit seid ihr mir ja schon lange bekannt. Das Schöne am Urlaub in der Natur ist gleichzeitig auch der Nachteil, die Natur gibt und manchmal mehr als man haben muss 😉

    Tolle Eindrücke! Vielen Dank fürs Mitnehmen. 🙂

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