Auf dem Harzer-Hexen-Stieg

Im Tal des bösen Ritters

Der Morgen in Treseburg beginnt verheißungsvoll. Die Sonne scheint, endlich kein Regen. Sogar der Kaffee zum Frühstück ist zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ganz lecker. Keine Ahnung, was die anderen Hotels da so verkocht haben, mit Kaffee hatte das meist nur wenig zu tun. Der Start in den Tag hätte schlechter sein können.

Zum letzten Mal schmieren wir unsere Brötchen fürs Lunchpaket, packen die Rucksäcke und stiefeln los. Mitten hinein in ein immer schöner werdendes Flußtal. Das kleine Flüßchen Bode hat sich tief in den Fels gegraben. Der Wanderweg folgt jetzt immer dem Flußlauf und verläuft mal mehr, mal weniger hoch im Hang.

Wunderschöne Aussichten auf den Fluß wechseln sich ab mit Passagen durch einen lichten Buchenwald. Mir gingen die ganzen dunklen Fichtenwälder im Harz ja langsam auf den Keks. Informationstafeln am Weg geben Auskunft, dass hier sogar noch sehr alte und sehr seltene Eiben wachsen. Ich bin botanisch jetzt nicht sonderlich bewandert, habe das aber wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Während wir an den ersten Tagen unserer Wanderung immer ziemlich allein im Wald waren, hat sich das Blatt jetzt gewendet. Zwischen Treseburg und Thale ist der Teufel los. Das ist jetzt auch kein großes Wunder und wir hätten es bei unserer Reiseplanung vielleicht berücksichtigen sollen, dass wir hier Sonntags durchkommen. Auf nur 10 Kilometern Strecke kann man prima beim Spaziergang ein spektakuläres Felsental durchwandern. Das Marketing spricht sogar vom „Grand Canyon im Harz“.

Je näher wir an Thale herankommen, umso mehr und höhere Felsen erheben sich rechts und links von uns. Das Tal wird zur Klamm, tief unter uns donnert die Bode durch die Felsen. Unser Blick geht auf die berühmte Rosstrappe. Es gibt eine ganz bekannte Sage dazu, die uns aber natürlich gerade nicht einfällt.

Über die Teufelsbrücke wechseln wir die Fluß-Seite und erreichen bald die Ausläufer von Thale. Eine Pension mit angeschlossenem Restaurant, die Jugendherberge und dann liegt der Ort vor uns. Wir sind (fast) am Ziel. Glocken läuten zur Begrüßung, Menschen stehend winkend mit Freudentränen in den Augen am Straßenrand und feiern unsere Ankunft. Oder so ähnlich. Die Glocken haben tatsächlich geläutet.

Am Ortsrand von Thale ist ein kleines Vergnügungszentrum entstanden. Zwei Seilbahnen fahren den interessierten Touristen wahlweise hoch zur Rosstrappe oder zum ebenso berühmten Hexentanzplatz. Für die Kinder gibt es riesige Spielplätze, einen Minigolfplatz, einen Hochseilgarten und allerlei weitere Attraktionen.

Wir haben uns für die Seilbahnen entschieden und sind erstmal zum Hexentanzplatz gefahren. Die dazugehörige Sage habe ich ebenfalls gerade nicht parat, aber der Name sagt ja eigentlich schon alles. Neben jeder Menge völlig bescheuerter Souvenirshops interessiert mich persönlich hier vor allem eines: Die tolle Aussicht ins Bodetal. Davon können mich auch nicht die teilweise grenzdebilen Touristen abhalten, die hier ihr Unwesen treiben. Nach einem Bier treten wir den Rückzug an und entfliehen den Menschenmassen. Vielleicht ist es auf der Rosstrappe ja ruhiger.

Zum Hexenplatz verkehrt eine Kabinenbahn, wer zur Rosstrappe rauf will, muss mit einem Sessellift vorlieb nehmen. Ich mag das ja sehr. Man gondelt im Freien in gemütlichen Tempo über die Bäume, ein sanfter Wind weht einem um die Nase. Nach all dem Gewandere in den letzten Tagen war das sehr angenehm.

Oben angekommen sind tatsächlich sehr viel weniger Menschen unterwegs. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es hier nur einen ganz kleinen Souvenirshop, keinen Kinderspielplatz, keine Würstchenbude und keinen Tierpark gibt. Einfach Felsen und Natur. Zumindest wenn man einmal die Hotel-Anlage hinter sich gelassen hat.

Der Blick ins Bodetal ist spektakulär. Am Horizont, teilweise in Wolken, erheben sich die Berge des Harzes. Ist da vielleicht irgendwo der Brocken? Sicher ist, dass wir dort hergekommen sind. Sich eine Landschaft zu Fuß zu erarbeiten eröffnet einen ganz neuen Blickwinkel. Das Erlebnis ist sehr intensiv und die Eindrücke bleibend. Vor meinem inneren Auge sehe ich den Eselsplatz, an dem wir unsere allererste Pause gemacht haben. Die Wassergräben der Oberharzer Wasserwirtschaft, das Moor bei Torfhaus, der verregnete Brocken. Der Weg über den furchtbaren Pfarrstieg runter nach Schierke. Das verlassene Rübetal mit seinen Grottenolmen. All das gespeichert. Und mit ein paar Regentropfen versiegelt.

Hier oben lesen wir dann auch endlich die Auflösung für die Sage um die Rosstrappe. Wir dachten uns schon, dass es sich um eine Liebesgeschichte handeln musste. Der „böse Ritter Bodo“ (sorry Onkel Bodo, das stand da so!) hatte sich offenbar sehr in die Königstocher Brunhilde verknallt. Und stellte ihr nach. Eines Nachts setzt er ihr derart zu, dass sie mit ihrem Pferd Richtung Harz floh. Bodo hinterher.

Vor einer hohen Klippe (wir vermuten auf dem Hexentanzplatz) scheute dann Brunhildes Pferd. In ihrer Verzweiflung, Bodo muss offenbar wirklich sehr böse gewesen sein, gab sie dem Gaul die Sporen und wagte den Sprung über den Abgrund. Auf dem gegenüberliegenden Felsen hinterließ der Huf ihres Pferdes dabei einen tiefen Abdruck. Und genau den kennen wir heute als Rosstrappe.

Der liebestolle Bodo setzte ihr nach. Stürzte dabei aber in den Abgrund und soll dort, in einen bösen Hund verwandelt, die Krone der Prinzessin bewachen, die diese beim Sprung über die Klippe verloren hatte. Immerhin kam dem bösen Ritter noch eine Ehre zuteil. Der Fluß, in den er stürzte wurde nach ihm benannt. Und also ist das Bodetal das Tal das bösen Ritters.

Zurück an der Talstation des Sessellifts haben wir noch ein Ziel, bevor es zum Hotel geht. Wir möchten zum offiziellen Ende des Harzer-Hexen-Stiegs. Laut Reiseführer ist das am Bahnhof. Und während wir dort hin unterwegs sind, passiert, was den ganzen Tag noch nicht war. Es beginnt zu regnen. Damit sind wir an 5 von 6 Wandertagen nass geworden. Während es zu Beginn nur leicht nieselt, wird der Regen immer stärker als wir am Bahnhof ankommen.

Am Bahnhof finden wir keinerlei Information zum Harzer-Hexen-Stieg. Also latschen wir (mit Regenjacke und Regenhülle überm Rucksack) einmal durch die Hauptstraße von Thale und erreichen am Rathaus endlich unser Ziel. Unter einem filigran geschnitzten Holzbogen endet und beginnt der Harzer-Hexen-Stieg. Wir haben es geschafft. Mit genau 100,1 Kilometer auf dem GPS-Track. Und als wir den Bogen durchschreiten, hört auch der Regen auf.

Auf dem Weg zum Hotel geht es dann (natürlich) nochmal ordentlich den Berg rauf. Dafür werden wir aber belohnt. Wir bekommen beide eine Urkunde für unsere herausragenden Wanderleistungen. Dazu einen Button (ist das vielleicht die Harzer Wandernadel?) und eine mittelschöne Hexenfigur. Vor allem gönnen wir uns zum Abendessen ein schönes Steak und nehmen eine Flasche Rotwein mit aufs Zimmer.

Wir legen jetzt ein paar entspannte Tage ohne viel Bewegung in Brandenburg und Berlin ein und hoffen dann auf gutes Paddelwetter in Mecklenburg. Drückt uns die Daumen und folgt uns weiter im Wanderpal.

 

4 Gedanken zu “Im Tal des bösen Ritters

  1. Respekt vor dieser Leistung. 👍☺
    Im Regen diese Strecke laufen, aber wenigstens in einer schönen Landschaft.
    Der Bericht war wieder toll und die Fotos großartig.
    Wir wünschen euch viel Spaß für eure weiteren Unternehmungen und drücken die Daumen, dass das Wetter besser wird.
    Lasst es euch gut gehen.

    Gefällt mir

  2. Ich drücke natürlich die Daumen, aber es hat bis hierher nicht genutzt… ich hoffe ich tue Euch mit meinen guten Wünschen auch wirklich etwas Gutes. Nicht dass ich verantwortlich bin für all das Nass.

    Wie gewohnt eine schöne Mischung aus Bildung und Erlebnis. Falls ich bei einem Quiz mal nach dieser Sage gefragt werde, werde ich mich hoffentlich daran erinnern, dass ich Euch anrufen kann ;)…

    Habt Spaß und gutes (und viel) Licht

    Gefällt mir

  3. Nachdem nun unser umzugsbedingt gestörtes Internet wieder funktioniert, kann ich auch wieder einfacher als übers Smartphone was Gescheites schreiben:
    Vor Eurer Wanderleistung muss man den Hut ziehen und muss Euch beglückwünschen! Und auch wenn sich die Kommentarschreiber wiederholen, muss gesagt werden, dass es immer wieder Freude bringt, Eure anschaulichen und humorvollen Berichte zu lesen und die schönen Fotos zu betrachten. So sei Euch eine wohlverdiente Erholungsphase gegönnt. Aber ich fürchte, in Berlin wartet auch schon ganz viel Bewegung auf Euch. Ohne per pedes kann man Berlin nicht gescheit erkunden.
    Viel Spass bei Euern nächsten Abenteuern.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.